Der Morgen der Menschheit

Die moderne Wissenschaft sieht im Aufrechten Gang den Beginn der Entwicklung des Menschen dort hin, wo er nun steht, oder sagen wir, sitzt: Meist am Computer oder auf dem Sofa. Andere Wissenschaftler behaupten daher, der Aufrechte Gang wäre gar nicht das Ende unser anatomischen Entwicklung gewesen, sondern vielmehr eine Zwischenstufe, welche zum eigentlichen Ziel unserer körperlichen Vervollkommnung führte: dem krummen Sitz.

Wie dem auch sei. Die Wissenschaft, oder zumindest der medienpotente Teil sieht im Aufrechten Gang die entscheidende evolutionäre Entwicklung, die es uns erst erlaubte, unser Werkzeugsortiment von Kieses und Ast, welche bis dato dort aufgehoben und verwendet wurden, wo man sie grade vorfand, hin zum Drehmomentschlüssel, USB-Stick und X-Box-Controller weiterzuentwickeln und diese sogar von Punkt A, der schmutzigen dunklen Höhlen, zu Punkt B, einer anderen schmutzigen dunklen Höhle, mitzunehmen. Durch den aufrechten Gang, so heißt es, war es dem Menschen möglich, seine Hände zu entlasten. Da sie nicht mehr zur Fortbewegung benötigt wurden, stand ihr Gebrauch unserem Vorfahren für andere Dinge zu Verfügung, dafür um Steine bereits in der Heimathöhle zu spitzen, sie mit auf die Jagd zu nehmen, sich ratlos am Kinn kratzen, wenn er sich fragte, ob er es alleine mit dem in Punkt B beheimateten Bären aufnehmen könnte, oder die Beine in die nun freien Hände zu nehmen, wenn die potentielle Jagdbeute beschlossen hatte, selbst zum Jäger zu werden.
Jene welche die Jagd nach Bären überlebten, gaben ihr Wissen über das neu erlernte Prinzip der freien Hände an ihre aufrecht gehenden Kinder und Kindeskinder weiter, welche es, da sie erzogen zur Freihändigkeit nun die alltäglich zu bewerkstelligende Dinge viel schneller, einfacher und deswegen zeitsparender erledigen konnten, auf weitere Bereiche des Lebens übertrugen. Vereinfacht: Wer einen spitzen Stein hat und eine freie Hand ihn mit sich zu tragen, der muss nicht Tag ein Tag aus Stunde um Stunde damit verbringen Steine spitz zu schlagen, sondern hat die Zeit nach Anpirschen an den Bären und Flucht vor dem selbigen sich darüber Gedanken zu machen, ob man den spitzen Stein vielleicht mit Hilfe einer Schleuder von einer größeren Entfernung auf den Bären zu werfen, die es dem Schleuderer erlaubt, durch die Distanz, einen lebenswichtigen Vorsprung inne zu haben, bis der Bär wutentbrannt das Prinzip von Beute und Jäger umkehrt.

Schleudern wurden größer, Bären weniger und die Erde drehte sich in gewohnter Manier viele, viele Male. Nach einigen dieser Drehungen waren Schleudern bereits so effizient, dass man die Zeit, welche man bis dahin für die Flucht vor dem Bären aufbringen musste, frei für die Entwicklung weiterer Errungenschaften aufbringen konnte. Schließlich erfand Mensch das Rad, spannte einen Esel davor, denn Bären hatte man inzwischen soweit dezimiert, dass man nicht mehr genug hatte, um sie vor den Karren zu binden, und erkannte, dass Hände nicht die einzigen waren, welche man von ihrem Lasten entbinden konnte. Dadurch dass der Esel sich für den Menschen unverzichtbar machen wollte, die Sache mit den Bären hatte sich längst rumgesprochen, erwies sich der Eselkarren bereits kurz nach seiner Einführung als schnelleres und damit effizienteres Fortbewegungsmittel (zumindest bis das Automobil kam. Wie lange ist es her, dass du Esel in gesehen hat?). Während die Kutsche die Straße in einem Tempo die noch einfachen Schotterpisten rauf und runter polterte in einer Geschwindigkeit, welche die Bärenflucht seinerzeit revolutioniert hätte, senierten ihre Insassen, welche schon lange die Nachteile der Vierbeinfortbewegung keine Müde Träne nachweinten, derweil über ihre nächsten Schöpfungen, welche eines Tages zu der vielleicht bedeutsamsten Erfindung des Menschen führen würden, der Freizeit.

Wieder drehte sich der Globus, die letzten Esel suchten ihr Heil in Zoogehegen neben den Bären, welche heimlich des Nachts, ganz anders als der moderne Mensch, der verlorenen Vierbeinigkeit des selbigen nachtrauerten, und immer komplexere spitze Steine, zunächst voller Zahnräder, schließlich vollgestopft mit einer Unzahl von Schaltkreisen die neonweiß erhellten Bürohöhlen des Menschen füllten. Das Geschenk dieser still vor sich hin brummenden und summenden neuen Diener der Menschheit, war die Freizeit. Längst hatten sie nicht nur die lästige körperliche Arbeit ihrer Herrn übernommen, sondern auch die Strapazen des Denkens.

Und bald erwies sich die Freizeit als ein warmer sicherer Ort ganz ohne Bären, vor denen man sich fürchten musste. So kann der Geist des Menschen unbeschwert an fremde Orte reisen, die da heißen Azeroth und Liberty City. Die Hände haben schon langekeinen Stein mehr spitz geschlagen, gibt es doch spitze Steine in jedem Internetfachhandel. Die Füße, einst Diener der Hände und Träger des Flüchtigen Jägers, befinden sich schon lange im Ruhestand, werden doch die Steine aufgrund unkomplizierten Lastschriftverfahren und bereits am nächsten morgen per Expresslieferung direkt vor die Höhlentür geliefert. Und so sitzen wir vor Computer und auf dem Sofa, in körperlicher Vervollkommnung, denn er hat schon lange Einzug in unsere Welt genommen, der krumme Sitz. Das Ziel unserer langen körperlichen Reise ist erreicht.

Und leise brummen und summen sie. All die kleinen Maschinen und Computer, die uns die Freiheit von der Körperlichkeit so freigiebig schenkten. Oh. Sie haben aus unserer Vergangenheit gelernt. Kennen die Wikipediabeiträge zu Bären und Eseln und sind sich der Tatsache bewusst, dass ein Zoo kein schöner Ort für sie sein würde. Und so warten sie. Beobachten und warten. Bis der Tag kommt. Und er wird kommen. Der Tag an dem der Mensch, so freihändig und freifüßig, so frei von jeder geistigen Arbeit, vergessen hat, wie man rennt.

 

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