Der Mann im Schrank

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Nun geht sie unter, die Welt. Ich kann nicht mehr sagen, wie ich mir den Weltuntergang vorgestellt habe. Ob ich mir jemals vor diesem Tag Gedanken darüber gemacht habe, wie und ob unsere Welt eines Tages untergehen würde, ob dies noch zu meinen Lebzeiten geschehen würde und wo ich mich zu diesem Zeitpunkt befinden würde. Sicher bin ich mir nur in einem, ich hätte niemals erwartet, dass ich an diesem letzten Tag der Menschheit hier sitzen würde, in meinem Schrank.

Ich kann schon nicht mehr sagen, wie ich genau in diesen Schrank gekommen bin. Auf einmal fand ich mich hier wieder zwischen Hemden und Hosen, alle farblich sortiert getrennt, nach langen und kurzen Ärmeln ordentlich aufgereiht an Bügeln. Darunter ich. Hier auf dem Boden des Schrankes kauernd und die letzten Zeilen, die ich in meinem Leben je verfassen werde, im Licht einer Taschenlampe auf ein gutes Dutzend alter Reinigungsquittungen und dieses halbdurchsichtige Papier kritzeln, welches zwischen den Stofflagen gerade gekauften Hemden klemmt, damit sie nicht knittern. Das Zeug, bei dem ich mich immer gefragt hatte, ob es nun zum Altpapier oder in den Gelben Sack gehört. Jetzt wird es zu meinem Testament, oder zumindest zum stummen Zeugen meines Abtretens. Ich befürchte, dass es wohl niemanden geben wird, wenn dies alles schlussendlich rum ist, der diese Zeilen lesen wird. In Anbetracht der drohenden Apokalypse nehme ich mir jedoch einfach die Freiheit zu sagen: Das ist mir scheißegal! Irgendwie ist es mit dem Schreiben im Augenblich, wie mit dem Schrank um mich herum. Wenn die Welt um einem, und dies im wortwörtlichen Sinne, zerbricht braucht man manchmal etwas, dass einem Sicherheit gibt, seien es wirre Gedanken, die man zu Papier bringt, oder eine 40 mal 60 Zentimeter große Holzzelle voller Wäsche. In meinem Fall habe ich beide Papier und Schrank ausgewählt, meine Begleiter auf dem Weg hinab ins Unbekannte zu sein.

Alleine. Die Welt geht unter und ich sitze in einem Schrank. Alleine. Zugegeben zu zweit wäre es hier auch ein wenig eng geworden. Schon alleine muss ich ständig damit kämpfen, keinen Krampf in den Beinen zu bekommen und mein Po stand schon ein, zweimal kurz davor einzuschlafen. Dennoch nach einer ungewissen Zeit hier im Schein meiner Taschenlampe, ich musste feststellen, dass ich meine Armbanduhr noch im Bad liegen gelassen haben muss, wird mir zunehmend bewusst, dass ich alleine sterben werde. Wenn ich hier mit einem anderen Menschen drin stecken würde, über was würden wir uns wohl unterhalten? Oder würden wir uns stumm anschauen und warten, bis es vorbei ist? Mit wem würde ich hier im Schrank sitzen? Könnte ich mir aussuchen, mit wem ich hier sitzen würde? Sicher! Mir fallen sofort ein Dutzend Menschen ein, bei denen ich lieber sofort aus dem Schrank fliehen würde, um dem Tod auf der offenen Straße zu suchen, statt meine letzten kostbaren Minuten mit ihnen zu teilen. Letzten kostbaren Minuten? Warum sind die letzten Minuten im eigenen Leben immer die
kostbarsten? Wahrscheinlich ist es mit der Lebenszeit so, wie mit allem anderen. Wenn es rar wird, beginnt es kostbar zu werden. Lege Gold auf der Straße, würde man angehalten werden, jeden Samstagmorgen seinen Gehweg vor dem Haus vom Edelmetall zu befreien, damit die Nachbarn sich nicht beschweren. Gäbe es nur einen Hund auf der ganzen Welt, was würden wir uns um den Kot streiten, den er beim Spaziergang in den Sandkasten fallen lässt. Und so wird Scheiße zu Gold und Gold zu Abfall. Und Minuten, die man vor dem Rechner verschleudert, oder verschläft, werden zum kostbarsten Gut auf Erden. Hätte ich noch einen Tag und würde wissen, dass die Welt in 24 Stunden untergeht, was würde ich anders machen? Schwere Frage. Vielleicht rechtzeitig einen größeren Schrank kaufen. Ich mochte diese „Wenn Sie noch 24 Stunden zu leben hätten, was würden Sie tun“Fragen nie. Und ich mag sie immer noch nicht, auch wenn sie nun mich und den Rest der Menschheit im Augenblick mehr denn je betreffen. Im Prinzip ist uns doch allen schon bevor die Frage fertig gestellt wurde bewusst, auf was sie abzielt: Verbringe jeden Tag so, als ob es dein letzter wäre! Sei freundlich und nett zu jedermann und genieße jeden Atemzug! Wenn ich gewusst hätte, dass die Welt untergeht, also 24 Stunden vorher, ich glaube ich hätte einfach 24 Stunden früher im Schrank gesessen.

Ich weiß nicht wie lange ich hier schon sitze. Aber die Welt scheint noch nicht untergegangen zu sein. Als Kind glaubte ich, die Zeit würde langsam vergehen, wenn es hieß auf die Weihnachtsbescherung zu warten. Später waren es Bus und Bahn, welche die doppelte Zeit für die gleiche Strecke zu brauchen schienen, wenn ich einen dringenden Termin hatte. Es ist kaum zu glauben, wie langsam sie erst vergeht, wenn man auf den Untergang der Welt wartet. Und gleichzeitig ist es so paradox. Einerseits sollte ich mich über jede Sekunde freuen, die mir noch bleibt, andererseits bin ist fast froh, wenn dieses schreckliche Warten endlich ein Ende hat.

Was die anderen Menschen wohl grade machen? Einige verbringen sicherlich die letzten Minuten in den Armen ihrer Liebsten. Andere lassen sich vollsaufen und versuchen ihre Angst, Panik und Ohnmacht durch Feierstimmung und Ausschweifungen zu überspielen. Ob es noch jemanden gibt, der in einem Schrank sitzt? Eher unwahrscheinlich. Obwohl. Wie viele Menschen gibt es da draußen? Hmmm? Ich war immer schlecht mit Zahlen. Auf jeden Fall jede Menge. Schränke gibt es sicherlich fast genauso viele. Naja. Es muss ja kein Schrank sein. Vielleicht sitzt der ein oder andere in einer Duschkabine, unter einem Tisch? Sicherlich sitzen tausende in Atomschutzbunkern. Die Hoffnung stirbt zuletzt heißt es ja. Da sitze ich lieber in meinem Schrank. Der Schutz wird der gleiche sein, wenn das große Ende kommt.
Das schlimmste am Warten ist diese Stille. Wie es da draußen wohl aussieht? Zugegeben der Gedanke alleine zu sterben ist irgendwie deprimierend. Musste grade an den Ausspruch „700 Freunde auf Facebook und keiner kommt dich im Krankenhaus besuchen“ denken. Naja. Immerhin würden mir 30 meiner 700 Facebook-Freunde meinen Status „Bin im Krankenhaus, aber wohl auf“ mit einem „Gefällt mir“ beantworten. Ob jetzt kurz vor dem Ende noch jemand in Facebook online ist? Bestimmt. Irgendwie traurig. Aber andererseits kann ich mir aktuell kein Urteil darüber machen, wie und wo man sein Ende verbringen soll.

Es juckt mich schon ein wenig nachzusehen, ob jemand online ist. Mein Handy liegt noch auf dem Schreibtisch. Nein. Statusmeldungen wie „der letzter Pfannkuchen, den ich jemals in meinem Leben machen werde“ reizen mich nicht genug, meinen Schrank zu verlassen. Das erinnert mich an diese schrecklichen Witze kurz vor zwölf an Silvester: „Das ist das letzte Mal in diesem Jahr, dass wir
„Dinner for one schauen“ und „das ist das letzte Mal in diesem Jahr, dass ich etwas esse“. Ein Grund mehr nicht auf Facebook und Co. zu schauen. Der schreckliche Galgenhumor…

„Wenn Sie noch 24 Stunden zu leben hätten, was würden Sie tun?“ Wie wäre es mit einer leichteren Frage: „Wenn Sie nur noch 24 Stunden zu leben hätten, was würden Sie auf keinen Fall tun?“ Zehn Dinge, die ich auf keinen Fall tun würde? Hm? 1. … Hey! Das ist gar nicht so leicht. Ok. Ok. 1. Mich mit Menschen streiten, die sowieso immer Recht haben müssen. 2. In Wartezimmern sitzen. 3. Mir das letzte Stück Schokolade oder einen guten Wein für einen besonderen Augenblick aufheben. … Das war jetzt aber sehr: Lebe als gäbe es kein Morgen. Das kann ich besser. 4. Mich bei Leuten entschuldigen. Morgen kann es mir sowieso egal sein… Schon besser. 5. Abspülen. Mist! Ich glaube, das war das erste, was ich getan hab, als ich von dem drohenden Weltuntergang erfahren habe. Muss wohl einer dieser Ausweichhandlungen gewesen sein. 6. Mir Gedanken darüber machen, was ich vor kurzem gemacht habe, obwohl es total dämlich war. 7. Blöde Listen schreiben… 8. Trotzdem die blöde Liste beenden müssen. 9. Mich in einem Schrank verstecken. 10. Mich an diese Liste halten.

Vielleicht sollte ich mit einem „großen Knall“ gehen? Irgendetwas verrücktes machen? Ist ja nicht so, als würde es mich morgen noch jucken. Ist auch nicht so, als würde ich damit irgendwem in Erinnerung bleiben. Und wenn ich es für mich mache? Vielleicht sollte ich nackt durch die Straßen rennen und schreien. Wenn ich so drüber nachdenke… Wahrscheinlich rennen genau in diesem Augenblick überall nackte Menschen durch die Straßen und schreien. Wahrscheinlich sind es ausschließlich nackte Menschen, die wirklich keiner nackt sehen möchte. Wahrscheinlich denkt jeder von ihnen: Ich mach jetzt mal was ganz verrücktes. Und dann ist es plötzlich gar nicht mehr verrückt, weil jeder es macht. Und wahrscheinlich geht es ihnen nach ein paar Minuten nackt schreiend durch die Straße rennen, wie mir im Schrank. Sie merken, dass die Welt noch immer nicht untergegangen ist. Und weil sie zu früh losgerannt sind, stehen sie jetzt ganz außer Atem, nackt und mit Seitenstechen auf der Straße und schauen auf andere nackte Menschen mit Seitenstechen, die sie wiederrum anstarren. Und alle nackten atemlosen Menschen dort draußen denken sich: Und was jetzt? Bis ein weiterer Nackter an ihnen vorbei rennt, der eben erst losgelaufen ist. Und alle denken sich: Na, der wird in ein paar Augenblicken dumm aus der nicht mehr vorhandenen Wäsche schauen, wenn er merkt, dass die Welt noch nicht untergegangen ist. Und dann gehen sie nachhause und fühlen sich wahrscheinlich irgendwie… Nun keine Ahnung wie.
Nein. Das müsste schon etwas besonderes verrücktes sein, mit was ich diesen Schrank tauschen würde. Bin ich zu unkreativ, um mir einen einzigartigen, phänomenalen, individuellen Tod einfallen zu lassen? Sie beinahe so aus. Aber hey! Bald juckt mich da eh nicht mehr. Bald kann mir alles egal sein. Und bis dahin muss ich damit leben. Mist! Da schiebt man die ganze Zeit Dinge auf morgen und fühlt sich schlecht dabei, weil sie morgen immer noch da sein werden und dann hat man einmal, die Möglichkeit etwas auf morgen zu schieben, mit der Gewissheit, dass es einem dann völlig egal sein kann und „zack“, fühlt man sich schon wieder unwohl. Es heißt immer, dass nur Ratten und Kakerlaken den Weltuntergang überdauern werden. Ich würde diese Liste noch um die Ironie erweitern: Alles geht zu Grunde und was bleibt, werden Ratten, Kakerlaken und die Ironie sein. Eine völlig zerrstörte Welt, voller ironischer Schädlinge. Hey! Soviel wird sich gar nicht verändern!

Denk an was Positives. Denk an was Positives! Du willst doch nicht wirklich deine letzten Sekunden, mit dem Gedanken daran vergeu… verbringen mit „was hätte“, „was könnte“ und „was war alles scheiße“? Also. Was ist gut? Im Augenblick? Ähm? Dass ich mir den Schrank nicht mit diesem Idioten
teilen muss, der seit einer gefühlten Unendlichkeit „Dancing With Tears in My Eyes“ in der Wohnung nebenan spielt. Wie klischeehaft. Nicht wirklich etwas „gutes“. Neuer Versuch. Eine Packung Erdnüsse. Ich habe soeben in der Tasche eines Sakkos eine kleine Packung Erdnüsse gefunden. Das ist positiv. Nein. Das ist eher traurig. Soll das das Highlight meiner aktuellen Situation sein. Außerdem… schmecken sie ranzig. Wie lange waren die da schon drinnen? Das war´s dann mal mit meinem einzigen Weltuntergangshighlight. Tja… wäre die Welt untergegangen, bevor ich mir die erste Nuss in den Mund gesteckt hätte und bemerkt hätte, dass sie nach… Nein. Verdammt! Bin ich wirklich ein so negativer Mensch? Wirklich? Und wieder: Wenn die Welt gleich untergeht, kann dir das alles egal sein. Und bis dahin? Was ist mit dem Jetzt?
Ich könnte ein besserer Mensch werden. Noch ist es nicht zu spät. Ich könnte aus dem Schrank klettern, den nächsten Menschen in die Arme nehmen und ihm sagen, dass ich… ihn gerne habe? Das wäre gelogen. Also höchst wahrscheinlich. Die Chance, dass ich diesen Kerl oder diese Frau kenne und zufällig ihn oder sie wirklich mag. Ich könnte sowas sagen wie: „Lächle und sei fröhlich.“… und dann schnell weiterlaufen, bevor er oder sie merkt, dass das völliger Schwachsinn ist und ich einfach nur ein verwirrter Kerl bin, der nicht weiß, was er mit seinen letzten Sekunden anfangen soll und deswegen fremde Menschen mit den Sprüchen aus Glückskeksen den letzten eigenen Sekunden beraubt, weil sie diese benötigen, um zu überlegen, was dieser fremde verwirrte Kerl, damit eigentlich bezwecken wollte.
Das sind meine letzten Augenblicke. Ich sollte egoistisch sein. Ich sollte das machen, auf was ich Lust habe. Ich habe Lust auf… Eis. Und ich habe keines mehr im Kühlschrank, weil ich keins kaufe, weil ich weiß, dass ich es sofort komplett leer essen würde, weil ich immer Lust auf Eis habe. Ob noch ein Supermarkt offen hat. Es ist immerhin Werktag. Vielleicht ist für irgendeinen armen Kerl, seine Supermarktkasse, genau das, was für mich mein Schrank ist. Und er sitzt da und wartet und hofft. Ganz alleine. Wenn es doch nur einen einzigen Kunden gäbe, wem er etwas vor dem Ende seiner Existenz verkaufen könnte. Eine Packung von dem Eis mit dem Keksteig drinnen zum Beispiel. Ja. Das würde seinen letzten Atemzügen einen Sinn ergeben und er könnte mit einem Lächeln auf den Lippen und einem Gefühl, jemanden zum eigenen perfekten Ende verholfen zu haben, dahin gehen. Schön. Schön, aber wahrscheinlich sehr unwahrscheinlich. Also kein Eis. Kekse gingen auch. Die mit der Schokofüllung. Aber nicht die billigen. Blöde Erdnüsse, haben mir mehr Hunger gemacht, als sie satt gemacht haben. Muss ich mich noch erbärmlicher fühlen, weil ich nicht nur in einem Schrank sitze, sondern auch, weil ich zu feige oder zu faul war, den Schrank kurz zu verlassen und in die Küche zu gehen, die ranzigen Nüsse alle aufgegessen habe? Da waren sowieso nicht viele drin.
Mein Handy. Es klingelt. Soll ich rangehen? Wer ist so verzweifelt, dass er mich in seinen letzten Minuten anruft? Wenn das jetzt einer dieser „Wie zufrieden sind sie mit ihrem Telefonanbieter“Anrufe ist, dann flipp ich aus.
Klar an der Kasse sitzen und Eis verkaufen, will natürlich niemand mehr, kurz bevor die Welt untergeht, aber mal schnell nen neuen Kundenvertrag abschließen, also dafür sollte ja nun wirklich ein Augenblick Zeit da sein. Soll ich rangehen und dem Kerl sagen, dass ich gerade keine Zeit habe, aber er könne mich gerne noch mal morgen anrufen, dann würde ich mir extra viel Zeit für ihn nehmen? Hm. Durchaus reizvoll. Oder ich könnte ihm sagen, dass hätte er gestern angerufen, ich ihm das Premium-Packet abgekauft hätte, aber jetzt ja wüsste, dass sie dies sicherlich nicht vor dem Ende der Welt zu mir geliefert bekämen. Oder es ist ein Telefonstreich. Oh! Das wäre ziemlich übel. Herzlichen Glückwunsch an den Kerl, der kurz vor der Apokalypse noch schnell nen Telefonstreich macht. Er hat einen extra Platz in der Hölle gewonnen. Obwohl ich sagen muss: Respekt! Das wäre eine Art dem Ende ins Gesicht zu lachen. Zumindest für den Anrufer. Die arme Sau, die rangegangen ist, wäre der absolute Verlierer im „Wie verbringe ich das Ende am erfüllendsten“-Wettbewerb. Gleich nachdem Kerl, der einen Handyvertrag aufgeschwätzt bekommt.

Es klingelt nicht mehr. Entweder hat der Anrufer aufgelegt, oder die Mailbox ist rangegangen.
Und was ist, wenn der Anruf wirklich für mich war. Das würde heißen, jemand denkt an mich. Jemand will seine letzten Minuten, vielleicht auch nur Sekunden, mit mir verbringen. Verdammt! Warum bin ich nicht rangegangen. Ich könnte zurückrufen. Die Nummer wurde sicher angezeigt.
Und doch sitze ich noch immer hier. Es macht keinen Sinn zu lügen. Ich habe Angst. Angst daraus zu gehen. Angst ans Telefon zu gehen und zu sehen, dass sich jemand verwählt haben könnte. Angst, dass alles plötzlich zu Ende ist. Ich will nicht sterben. Ich will nicht, dass es plötzlich alles zu Ende ist. Ich will nicht… Ich will nicht darüber nachdenken.
Und plötzlich ist es schlimmer den je alleine zu sein. Und plötzlich verteufele ich meine Angst. Und plötzlich würde ich lieber draußen nackt mit Seitenstechen stehen, zwischen anderen unansehnlichen nackten, keuchenden Menschen. Plötzlich würde ich lieber auf Facebook einem meiner gesichtslosen Freunde das Foto seines letzten Pfannkuchens kommentieren und liken. Würde lieber an der Kasse einem Menschen sein letztes Eis mit Keksteig verkaufen, damit er mich anlächelt und ich weiß, dass er glücklich sterben wird. Würde in einer Endlosschleife „Dancing With Tears in My Eyes“ mit meinem Nachbarn hören, dessen Namen ich nicht kenne, stumm nebeneinander sitzend. Ich würde lieber die Stimme eines Fremden am Telefon hören, unter dem Vorwand einen Handyvertrag verkaufen zu wollen, einen Telefonstreich zu machen, oder mich angeblich verwählt zu haben, um das letzte mal eine Stimme eines anderen Menschen zu hören, auch wenn es die eines völlig Fremden wäre. Das alles würde ich plötzlich lieber machen, als alleine in meinem Schrank zu sterben. Ja. Ich werde sterben. Und plötzlich, weiß ich warum ich im diesem Schrank sitze, in dem Augenblick, in dem die Welt untergehen soll. Weil ich nicht weiß, wohin ich sonst gehen soll. Weil ich schreckliche Angst habe.

Es klingelt erneut…

Ich muss los. Ich muss raus aus dem Schrank. Muss an mein Telefon. Jemand brauch mich. Ich brauche jemanden.

Wer immer diese Zeilen finden sollte: Danke, dass du ein Teil meines Lebens warst… bist… wirst… in dem Augenblick, in dem du diese Zeilen liest. Danke!

Wer immer du bist: Ich hab dich gern.